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Jörg Depta, Vortrag am 23.05.2003 - Beiratssitzung Leonardo, Lehmputz, Baufachfrauen in Berlin


Tendenzen und Entwicklungen des Bauens mit Lehm in Deutschland


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Das Interesse bauinteressierter Menschen für ressourcen- und umweltschonendes Bauen, für gesundheitlich unbedenkliche, wiederverwertbare Baustoffe, also für die Grundprinzipien des ökologischen Bauens, hält aus meiner Sicht an. Die aktuelle Krise der Bauwirtschaft trifft den Lehmbau nur bedingt. Das liegt u.a. aus meiner Sicht an der vorhandenen Spezialisierung und einer gewissen Flexibilität der kleinen Lehmbaufirmen, aber auch an der ungebrochenen Überzeugung vieler Bauherren und Planer, die Qualität ihres Bauprojektes sehr bewusst mit Lehmbaustoffen aufzuwerten. Auch bei geringeren Baubudgets hat das Interesse für gesundes Wohnen, Natürlichkeit und auch der Nutzung von regenerativen Energien, nicht nachgelassen.  



   

Als ökologisch kann ein Baustoff dann bezeichnet werden, wenn die Belastung der Umwelt und die gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen entlang der gesamten Produktlebenslinie weitgehend minimiert sind:
  • geringe Schadstoffabgabe bei Herstellung, Verarbeitung, Gebrauch und Entsorgung
  • geringer Energiebedarf für Herstellung und Transport
  • Verfügbarkeit der Rohstoffe und Fertigprodukte in ausreichender Menge und in -örtlicher Nähe zum Bauvorhaben, insbesondere Nutzung regionaler Baustoffe
  • Verwendung von Recyclingmaterial
  • hohe Wärmespeicherfähigkeit
  • gute Wärmedämmfähigkeit
  • gute Wasserdampfdiffusionsfähigkeit
  • gute Schallschutzeigenschaften
  • lange Lebensdauer, Reparaturfreundlichkeit bzw. leichte und umweltfreundliche Ersetzbarkeit
  • Wiederverwendbarkeit als Bauteil oder als Wertstoff (Recyclingfähigkeit), Vermeidung von Verbundbaustoffen
  • vollständige Deklaration der Inhaltsstoffe
   
     
 




 

Aber die über einen Zeitraum von 1995 bis 1997 beobachteten Zuwachsraten bei
  • konventionellen Herstellern + 3%
  • Ökobau + 9%
  • Lehmbau + 120%
verdeutlichen das Potential das dieses Marktsegment im sonst eher stagnierenden Baubereich einnimmt. Auf der Suche nach neuen Produkten haben die großen etablierten Fertigputzhersteller den Baustoff Lehm entdeckt und sind dabei ihre Produktpalette entsprechend zu erweitern.

Firmen wie Bayosan oder Maxit investieren in ihr ökologisches Outfit. Vor 4 Jahren fing Maxit an Fertigputze und farbige Spachtelputze zu entwickeln. Heute werden nach Herstellerangaben 50t Fertigputz im Monat, in einem speziell dafür umgebauten Werk produziert. Die Ökoschiene ist für Maxit der Marktöffner, um in die großen Baumärkte mit der gesamten eher konventionellen Produktpalette zu gelangen. Der z.Z. größte Baumarkt Berlins führt zum erstenmal Lehmfertigputz zu einem konkurrenzlos günstigen Preis von unter 10€ den 35kg Sack.
Einen besonderen Zuwachs verzeichnen die in- und ausländischen Hersteller von farbigen Lehmputzen die in der Regel nur 2-3 mm stark auf fast alle gängigen Untergründe gespachtelt werden können. Auf dem deutschen Markt tummeln sich neben heimischen Anbietern, Produzenten aus Italien, Holland und Frankreich. Einer der bekanntesten Anbieter, der Deutsch-Holländer Karl Gieskes, gibt für das vergangene Jahr einen Umsatz von 1 Mio €, für seine Marke Tierrafino an.
Die neueste Entwicklung sind Lehm-Wandfarben auch Lehmstreichputz genannt, erhältlich in breiter Farbpalette, auf Tonmehl/Feinsandbasis, mit sehr unterschiedlicher Verarbeitungstechnik.

Vor dem Hintergrund dieser neuen Produktentwicklungen, erstrecken sich für den Lehmbauer ganz neue Aufgabenbereiche und berufliche Perspektiven. Wenn er sich als Vertreter eines modernen Lehmbaues versteht, flexibel ist, sich neuen fachlichen Herausforderungen stellt und bereit ist, sich dem Thema Oberfläche besonders zu widmen, sich vielleicht zu spezialisieren, dann hat er gerade in städtischen Ballungsräumen, eine gute Chance, als Lehmbauer überleben zu können.

Das Berufsbild des Lehmbauers wird sich in den nächsten Jahren erheblich verändern: Raum(Wand)gestaltung, Farbauswahl und -beratung für Farbedelputze und Lehmfarben, das Spiel von Farbe und Licht, Innenwandaufbauten mit raumklimatischer Wirkung, Wandheizungssysteme in Lehm, Trockenbautechniken, Selbsthilfeanleitung für Bauherren, all dies wird noch stärker als bisher die erweiterte Kompetenz eines Lehmbauers der Zukunft ausmachen. Er muss sich mit Qualitätskriterien für Lehmprodukte auseinandersetzen, Zuschläge von Fertigputzen kennen und Wissen über deren Vor- und Nachteile haben.

Lehmhaus Geltow Ausbildung Lehmaußenputz


Über die Zahl der Verarbeiter von Lehmbaustoffen in Deutschland gibt es immer noch sehr wenig Informationen. Eine Umfrage des Umweltzentrums des Handwerks Trebsen5 in Sachsen zeigte, dass ca.114 Handwerksbetriebe Lehmbaustoffe verarbeiten bzw. dies demnächst tun wollen. In der Regel sind es sogenannte Baumischbetriebe als auch Firmen die sich ausschließlich auf die Verarbeitung von Lehmbaustoffen spezialisiert haben. Hochgerechnet auf das gesamte Bundesgebiet liegt die Zahl der Firmen, die Lehmbaustoffe verarbeiten sicher bei weit über tausend, mit steigender Tendenz.
Grenzen werden dieser Entwicklung gegenwärtig noch von Struktur und technischer Ausstattung der Hersteller gesetzt. Viele Firmen sind kleine Betriebe mit nur wenigen Mitarbeitern und regional begrenztem Aktionsradius. Oft verfügen sie über eine veraltete technische Ausrüstung. Die Bedeutung eines guten Marketings wird nicht selten unterschätzt. Die Möglichkeit in größerem Umfang Investitionen in eine moderne technische Ausstattung zu tätigen, haben diese kleine Firmen nicht.
Andererseits, so die Studie, verfügen die großen Ziegeleien und Fertigputz Hersteller die zunehmend ihre Produktionspalette um Lehmbaustoffe erweitern wollen, in der Regel über moderne, leistungsfähige technische Anlagen.

Insgesamt bieten die Hersteller heute eine breite Palette von Lehmbaustoffen an. Als lose Mischungen, darunter auch Putze, Mörtel und sogar Leichtlehmmischungen, in unterschiedlichen Zusammensetzungen und Rohdichten oder als Lehmsteine und Platten in verschiedenen Formaten. Einige Firmen exportieren ihre Produkte bereits in benachbarte Länder.
Wir finden immer mehr bekannte Hersteller von Mischmaschinen für konventionelle Fertigputze, die ihre technischen Produkte, für die rationale Verarbeitung von Lehmputzen ausstatten. Fast alle Fertigputze lassen sich schon mit der Siloputztechnik verarbeiten.

farbiger Lehmputz Qualifizierung Lehmputz Stampfen Falkensee

Der moderne Lehmbau hat nur noch wenig mit den arbeitsintensiven Lehmbauweisen unserer Vorväter zu tun Wie bei anderen Baustoffen auch, ist der moderne Lehmbau charakterisiert durch Vorfertigung und Elementierung der angebotenen Bauprodukte. Aufbereitung, Formgebung und zum Teil auch die Trocknung werden in zentrale Fertigungsstätten verlegt. Das macht die Baustelleneinrichtungen platzsparender, Bauabläufe witterungsunabhängiger und deshalb besser kalkulierbar und führt zu deutlich kürzeren Bauzeiten. Lehmbaustoffe können heute in einer breiten Palette ihren spezifischen Eigenschaften entsprechend optimaler mit anderer Baustoffen kombiniert und bauteilbezogen differenziert verarbeitet werden.
Beispielsweise gestatten interessante Entwicklungen im Trockenbau die Ausführung nicht tragender Trennwände aus Lehmbaustoffen als Alternative zum sogenannten Gipskarton, der eine Unterkonstruktion erfordert. In den Bereichen Holzständerbauweise und Holzfertighaus werden elementierte Lehmbaustoffe kostengünstig gestapelt statt gemauert, in den Wandaufbau als innenliegende ,,Lehminnenschale" integriert.

Nicht zuletzt erfährt eine längst tot geglaubte Bauweise ihre ,Auferstehung": die Stampflehmbauweise, in der Lehm wieder "tragend" genutzt wird. Wie das im letzten Jahr realisierte Bauvorhaben der "Kapelle der Versöhnung" in Berlin-Mitte beweist.. Attraktive Architektur- und Planungskonzepte überzeugten durch die Möglichkeiten dieses Baustoffes, auch in moderner Bauart die sinnliche Wahrnehmung des Menschen durch Oberflächenstrukturierung, Farbigkeit und Verarbeitungstechnik positiv anzusprechen. Die Entwicklung auf dem Gebiet der Lehmbaustoffe und ihrer Verarbeitung sehe ich als noch lange nicht abgeschlossen.

    Stampflehmwand Falkensee

Bei einem Bestand von rund 2 Mio. Gebäuden in der Deutschland, in denen Lehmbaustoffe verarbeitet wurden, lässt sich die Bedeutung der Einsatzgebiete Denkmalpflege, Sanierung sowie Aus- und Umbaubau erfahren. Hier finden wir nach wie vor den größten Anwendungsbereich für Lehmbaustoffe in unserem Land. Zum Beispiel sind es die Besitzer alter Fachwerkhäuser, die Information und Beratung zu Lehmbaustoffen und deren Verarbeitung suchen. Immer mehr wächst hier das Bewusstsein, dass eine Sanierung mit dem gleichen Material, also mit Lehm, am sinnvollsten ist.
Neben den o.g. Bereichen ist der Neubau in der Bundesrepublik der am stärksten wachsende und innovativste Anwendungsbereich des gesamten Lehmbaus. Die schon erwähnten vorzüglichen Eigenschaften des Baustoffes Lehm, vor allem aber seine positive Wirkung auf das lnnenraumklima und die inzwischen breite Palette der angebotenen Lehmbauprodukte, geben dem Neubau erhebliche Impulse. Vor allem in der Kombination mit Holz als lastabtragendes Element.
Die Aufgabenfelder für die Lehmbauforschung sind schon seit längeren von verschiedenen Interessengruppen formuliert worden. So zum Beispiel stoffliche und bauteilbezogene Untersuchungen, die technische Weiterentwicklung vor Lehmbaustoffen und stoffspezifischen Ausrüstungen, Aktivitäten in den Bereichen Ausbildung/Qualifizierung, Berufsbild, Information und Verbraucherberatung.

Mit dem Projekt ,,Lehmbau Regeln"6 hat der Dachverband Lehm e.V. eine vom Stand der Technik ausgehende Regelung geschaffen, die eine bauaufsichtliche Bewertung der Verarbeitung von Lehmbaustoffen und der Konstruktion von Lehmbauteilen ermöglicht. Sie ist die erste am aktuellen Stand der Technik orientierte technische Regel in der Europäischer Union und formuliert - erstmals seit dem Wegfall der entsprechenden Lehmbau DIN-Vorschriften 1971 - konkrete Bauvorschriften zum Lehmbau.

Das vom Thüringer Ministerium für Wirtschaft und Infrastruktur geförderte und gemeinsam mit dem Umweltzentrum des Handwerks Rudolstadt realisierten Projekt ,,Fachkraft für Lehmbau" ist ein weiterer wichtiger Beitrag auf dem Gebiet der Aus- und Fortbildung. Vor allem soll damit der Lehmbau innerhalb des Handwerks aufgewertet werden. Interessenten mit artverwandten Berufsabschlüssen können sich zur "Fachkraft im Lehmbau" weiterqualifizieren. Der Fortbildungskurs wird von Mitgliedern des Dachverbandes Lehm unter Prüfungsaufsicht der Handwerkskammern durchgeführt. Dadurch erlangt das erworbene Zertifikat bundesweite Anerkennung. Besonders interessant ist dieses Weiterbildungsangebot für langjährig im Lehmbau Beschäftigte ohne entsprechenden Berufsabschluss. Es verbessert deren berufliche Akzeptanz durch Behörden.

Als weiterer Meilenstein der soll das Leonardo da Vinci Lehmputzprojekt dem Lehm zu dem verhelfen was er eigentlich sein soll, nämlich ein ganz normaler Baustoff.


     
  1. Vgl. Öko-Zentrum Nordrhein-Westfalen: Analyse des Marktes für ökologisches Bauen, Werkstattbericht 2; Hamm 1995
  2. Vgl. Zwiener, 0.: Ökologisches Baustofflexikon. Daten - Sachzusammenhänge -Regelwerke, C.F Müller Verlag GmbH, Heidelberg 1994
  3. Vgl. KATALYSE: Das recyclingfähige Haus Studie über die Notwendigkeit und die Möglichkeiten der Wiedereingliederung von Rückständen in den Naturkreislauf, am Beispiel des global-recyclingfähigen Hauses, Köln 1993
  4. Vgl. Riedel, S: Analyse der Marktsituation des Lehmbaus als ein Segment des Bereiches ökologischer Bauleistungen in Deutschland, Diplomarbeit, Fakultät Bauingenieurwesen, Bauhaus-Universität Weimar; Weimar 1999
  5. Vgl. Handwerkskammer Leipzig Umweltzentrum Trebsen, Fragebogenaktion zum Bauen mit Lehm in Sachsen, Trebsen 1999
  6. Dachverband Lehm e.V. (Hg.>: Lehmbau Regeln. Begriffe, Baustoffe, Bauteile. Vieweg Verlag, Wiesbaden 1999
  7. www.dachverband-lehm.de

Autor: Jörg Depta
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